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Costas Varotosos

Kunst im räumlichen
und  sozialen Umfeld

Friederike Schmid, lic. oec. HSG

 

Für den 1955 in Athen geborenen Costas war schon früh klar, dass er eine Laufbahn in Richtung Malerei einschlagen würde.

Costas Varotsos

Als Junger bewies er dort bereits sein Talent - und nach Überzeugung der Eltern - widmete er sich nach Abschluss seiner Schulen dem Studium der "Belli Arti" in Rom. Zunächst erschien dies dem eher "bequemen" Varotsos der einfachste Weg - später realisierte er, dass er wahrscheinlich den schwierigsten Weg gewählt hatte. Italien als Studienort war für ihn klar, da das damalige Griechenland der Militärdiktatur dem jungen Studiosus keine angemessene, gute Ausbildung bieten konnte. Nach Absolvieren der "Schönen Künste" besuchte er Architekturvorlesungen in Pescara, da er sich schon immer für den Raum und dessen Konzeption interessierte. Ebenso faszinierten ihn soziologische Hintergründe, sowie die Belegung des Raumes. Die Krönung seines Studiums erfuhr er 1990/91 mit einem Stipendium in New York.

 

1999 nach über 20 Jahren weltweiter und erfolgreicher Ausstellungstätigkeit und vielen Werken im öffentlichen Raum, erhielt er eine volle Professur für "Fine Arts" an der Universität für Architektur in Thessaloniki.

Trotz der Schaffung vorwiegend dreidimensionaler Werke, sieht sich Varotsos als Maler und nicht als Bildhauer. In seinem Geist entstehen die Werke zweidimensional, flach - die dritte Dimension ist die spirituelle Dimension: Den Raum zu spüren, die Kraft eines Ortes, die Energie die fliesst. Das haben wir in diesem Jahrhundert verloren.

Varotsos möchte auch seinen Studenten diese neue Dimension, das Erfahren des Raumes, lehren. Sie sollen die Energie des Raumes entdecken, die wir in diesem Jahrhundert verloren haben. "Ich will sie wieder dazu bringen, ein Gleichgewicht zwischen der emotionalen und der rationalen Dimension zu finden. 

Sie sollen wieder zwischen das Spirituelle, das Logische und das Emotionale schauen, denn ich denke, dass in unserem Jahrhundert das Logische und das Methodologische viel zu viel Platz gebraucht haben." Dazu möchte er unter anderem auch Experimente machen um ihr Gesichtsfeld zu erweitern. Dass sie nicht mehr nur mit dem Auge das Zentrum eines Vorganges fokussieren, sondern dass Sie auch lernen rundherum zu spüren - und wieder Gespür für den Raum bekommen.

Kunst ist heute durch die Technologisierung der Umwelt und durch die Spezialisierung zu einer Spezial-Wissenschaft geworden. Das grosse Problem unseres Jahrhunderts in vielen Bereichen! Durch die Spezialisierung wird der Mensch zum Einzelkämpfer. Vor vielen Jahren war die Kunst noch Teil der sozialen Dimension. Sie war ein Produkt der kulturellen Schichtung eines Landes.

 

Heute wird die Kunst von z.T. sehr fragwürdigen Personen dominiert die Spiele und Strategien spielen, ihren "Garten" verteidigen und niemandem "die Türe öffnen".

Doch den Einsturz dieser Kultur können wir schon erleben: Der Titel der diesjährigen Biennale in Venedig von H. Szeemann demonstriert dies sehr gut: "Dappertutto" (= Überall). Kunst die alle Bereiche durchdringt, offen ist und für alle Menschen da ist. In grossen Städten, in kleinen Dörfern, in der Natur, auf Bergen, überall! "Macht die Kunst nicht nur in den grossen Galerien und Museen - geht hinaus in die öffentlichen Räume, in die Natur - findet wieder Bezug zu den einfachen, den normalen Menschen!" Bei der diesjährigen Biennale ist Varotsos der offizielle Repräsentant für Griechenland. Er hat im griechischen Pavillon eine steinerne Brücke die 23 m überspannt erstellt.

Die Brücke hat für ihn hohen Symbolwert: Brücke zwischen den Menschen (auch verfeindeten), Brücke von 1999 ins nächste Jahrtausend, etc. Vor dem Pavillon hat er ein riesiges gläsernes Labyrinth aufgebaut, das man von der Brücke im Raum aus sieht.

Die Skulptur, die Ende Juni 1999 auf der Piazza Benefica in Turin fertig gestellt wurde (die erste Skulptur im öffentlichen Raum in ganz Turin, von einem - und dies, obwohl Turin die Geburtsstadt der Arte povera ist!) ist auch ein Experiment von Varotsos. Er hat versucht, die ganze Gegend und nicht nur die offiziellen Leute in den Entstehungsprozess seines Werkes einzubeziehen. In mehreren Zusammenkünften lernten die Leute ihn kennen und er sie, so dass er die "kulturelle Zusammensetzung" rund um diesen Platz erfuhr.

 

Dann machte er zwei bis drei Vorschläge für das Werk und diskutierte sie mit allen Leuten die dort wohnten. Alle Vorschläge waren auch über Internet der Stadt Turin abrufbar und man konnte so seine Auswahl treffen. Das heute erstellte Werk entstand also aus dem kulturellen Umfeld dieses Platzes heraus. Es entstand ein Werk, das nicht primär Varotsos Idee oder Ideologie war, das die Leute schockierte, als sie es eines Morgens fertig gestellt sahen, sondern das unter Mitwirkung aller geboren wurde. "Das war ein interessantes Projekt - und ich glaube in Europa war es das erste Mal, dass ein Werk so entstanden ist."

Auch bei seinem bisher grössten Projekt, der "La Morgia Installation", einer Glasinstallation inmitten der Abruzzischen Appeninnen auf 150 m Höhe war für ihn der Einbezug des Raumes, der Kommunen und der einfachen Leute, die dort lebten äusserst wichtig.

 

Die einfachen Leute, die Arbeiter waren es dann auch, die dieses Werk als eines von ihnen betrachteten, da sie zum Teil zu Tiefstlöhnen mitgearbeitet haben, bei Schnee und Regen in einem der kältesten Winter, den Italien seit 50 Jahren gesehen hatte, um das Monument fertig zu stellen.

Die Kunst muss quasi aus "ihrem Schoss geboren werden". Seine "Berechtigung" zu diesem Projekt holte sich Varotsos dadurch, dass dieser Felsen nach Ende des zweiten Weltkrieges durch eine Explosion von Menschenhand durchbrochen wurde. Er wollte der Natur das wieder "zurückgeben", was die Menschen zerstört hatten. Denn was Varotsos sich nie anmassen möchte, ist die Natur mit Kunstwerken zu "dekorieren". Mit einer kleinen selbstinstallierten Material-Seilbahn wurden Glas und Stahlträger nach oben transportiert.

 

Varotsos lebte mit den Leuten von Okt. 1996 bis Feb. 1997 fast ständig auf dem Berg, abgeschnitten von der "Öffentlichkeit" um dieses "Natur-Werk" zu beenden, fern vom herkömmlichen Kunstbetrieb.

Es besteht aus Glasplatten, die eine auf die andere geschichtet und an den Seiten mit Stahlträgern an den Granitfelsen befestigt wurden. (Auch andere weltberühmte Artisten wie Hidetoshi Nagasawa, Anne und Patrick Poirier und Tamata Gircik erstellten Werke in dieser Region, weitab der grossen Zivilisationszentren, Galerien und Museen.) Nach Fertigstellung des Werkes meinte der Künstler, der sich eher als einen Menschen des Meeres bezeichnet, dass ihm dieser Berg und das Erleben einer ganz neuen Dimension viel mehr gegeben hat, als er ihm geben konnte.

 

Vielleicht ist dieses besondere Einfühlen in räumliche und soziale Gegebenheiten Teil seines griechischen Erbes.

Denn wenn wir in Griechenland die alten Tempelanlagen sehen sind wir alle tief beeindruckt. Wir wissen nicht genau warum - es ist, weil die alten Griechen die Kraft und die Ausstrahlung der Orte spürten und die Tempel in Respekt zu Natur und Ort erstellten.

Die Definition des Raumes faszinierte Varotsos bereits in seinen frühesten Werken, in denen er vielfach mit durchsichtigen Kunststoffen - Kunstharz - arbeitete. Bei einer Installation in einem Schwimmbad bei der er durchsichtiges Kunststoffmaterial bemalte, verschwand das Material als man das Schwimmbad mit Wasser füllte und man sah nur noch die Bemalung, was dann wie bemaltes Wasser aussah.

 

Dann liess er Plexiglas wie einen Weg über die Wasseroberfläche legen und auf diesem "unsichtbaren Weg" machte eine Tänzerin eine Vorführung mit Flötenmusik, wodurch seinem Werk eine fast magische Dimension hinzugefügt wurde. Eine Illusion, die an Moses erinnerte.

Von den Kunststoffen und dem Stein kam Varotsos 1983 zufälligerweise zum Glas. Er setzte sich mit der Figur und den Eigenschaften eines Dichters/Poeten auseinander. Ein Poet musste für ihn Fragilität, Gefahr, Aggressivität, Explosivität und zugleich Implosivität ausdrücken. Und so kam er zum Glas, das all diese Eigenschaften ausdrücken kann. Das Glas kann durchscheinend sein, es kann reflektieren, es blendet, es ist zerbrechlich, es ist spitz und verletzend, etc.

 

Die Technik, die er für sich gefunden hat, ist das Aufeinanderschichten und Verkleben von Flachglas mit jeweils Gerüsten in der Mitte, die das ganze zusammenhalten. Fast die gleiche "Konstruktion" wie der menschliche Körper.

So entstand nach vielen Fehlversuchen sein 7 m hoher Poet 1983 in Nicosia/Zypern. Zuerst war das "Metallskelett" für den Poeten zu schwach und die ganze Figur krachte zusammen - "das war gefährlich, wir starben fast dabei". Aber nach und nach hatte er mit seiner Crew die Technik so verfeinert, dass sie stabil und wetterfest war. Bei seinem 11 m hohen "Runner" verarbeitete Varotsos 60 Tonnen Glas rund um eine Stahlkonstruktion.

Glas ist für Varotsos das ideale Material, da es sich dem Raum anpasst und kein Störfaktor ist. Es arbeitet mit dem Licht und mit dem Geschmack des jeweiligen Raumes. Und so wird es Teil des Raumes. Die Energie kann fliessen.

 

Die Autorin dieses Artikels Friederike Schmid, Lic. oec. HSG ist mit ihrer Firma Communication by Art national und international im Kunst- und Kulturbereich tätig. Sie versucht neue Wege im Kunst-Management zu beschreiten um unsere heutige, sehr eindimensionale, oftmals finanzdominierte Denkweise auf neue Denkbahnen zu bringen.

 

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Aktualisiert: 15. Juli 2004     

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